Zukunftsintention statt Neujahrsvorsatz?

– Oder wie Martin Seligmann ohne sein Wissen zum Funkensprüher wurde

Dezember 30, 2019

Martin Seligmann auf der Positive Psychology Tour 2019 in Götzis

In den letzten Jahren geht es mir zunehmend gegen den Strich Ziele, Vorsätze oder Lernfelder für das neue Jahr zu formulieren. Dem Effizienzstreben damit auf privater Ebene zu dienen, darauf habe ich keine Lust mehr. Aber will ich wirklich ganz darauf zu verzichten eine Intention für das neue Jahr zu setzen? Gibt es einen Weg, Fokus und Ausrichtung zu setzen, die stärkt und nicht eng macht? Diese Überlegungen habe ich in den vergangenen Tagen mit mir herumgetragen und gestern Nacht kam mir dann plötzlich eine Idee – und diese möchte ich mit Euch teilen.

Im Sommer dieses Jahres war ich auf der «Positive Psychology Tour» von Martin Seligmann in Götzis. Eine wundervolle Erfahrung mit vielen inspirierenden Rednern, berührenden Begegnungen und einer irgendwie herzlichen Atmosphäre unter Fremden. Den Abschluss der Konferenz machte Martin Seligmann, der den Begriff der positiven Psychologie massgeblich mitgeprägt und als ergänzende Forschungsrichtung zur klassischen Psychologie etabliert hat. Entsprechend gespannt und auch ein bisschen aufgeregt war ich, seinen Vortrag zu hören.

Die Vision der menschlichen Entwicklung von Martin Seligmann

Er sprach über die Vergangenheit und Gegenwart der menschlichen Entwicklung und der Psychologie. Basierend auf dem Buch «Enlightenment Now» von Steven Pinker zeigte er auf, welchen Fortschritt wir als Menschheit in den letzten Jahrhunderten gemacht haben. Auch wenn uns dies durch Filter, Verzerrungen usw. oft nicht bewusst ist, zeigte er basierend auf eindrucksvollen Daten: Leben, Gesundheit, Sterblichkeitsraten, Wohlstand, Menschenrechte, Armut, Sicherheit, Frieden und Bildung – all diese grossen Themen hätten sich in den letzten 500 Jahren weltweit massiv erhöht bzw. zum Besseren entwickelt. Allein das war schon einmal hoffnungsvoll für mich zu hören, auch als Gegenbild zu dem, was in den Medien für Bilder gezeichnet werden.

Gleichzeitig gab er zu bedenken, dass es eine Reihe von Dingen gäbe, die uns gesellschaftlich zurückkatapultieren würden (z.B. eine neue Pandemie, ein Atomkrieg, eine massive Klimaveränderung oder ein weltweiter Kollaps der Finanzmärkte) und dass wir alles tun müssen, um dies zu verhindern. Sollte uns dies aber gelingen, sagte er, komme etwas Neues auf uns zu. Martin Seligmann schlug vor, dass sich das Zeitalter des «human progress» nun langsam dem Ende zuneige und ein neues Zeitalter, eine neue Psychologie angebrochen seien.

Es sei eine Bewegung vom Ich zum Wir beobachtbar, wobei das Wir nicht eine kleine Gruppe, sondern die gesamte Menschheit, alle Tiere und den gesamten Planeten mit einbeziehe. Der moralische Kreis werde erweitert und eine neue Form des ganzheitlichen Denkens nähme Einzug. Kreativität und Zukunftsorientierung erhöhten sich. Der Fokus verschiebe sich auf die Erhöhung von Wohlbefinden und Glück (anstatt Vermeidung von Krankheit und Leid). Insbesondere das Fördern von Sinn und positiven Beziehungen gewinne an Bedeutung.

Er zeichnete dieses hoffnungsvolle Bild und erläuterte dabei die Geburtswehen und die Anzeichen, die zeigten, dass diese Zukunft gerade entstehe. Insbesondere führte er aus, wie sich diese Veränderungen im Denken und Verhalten der Kinder und Jugendlichen heute schon zeige und das dies Anlass zur Hoffnung sei. Er endete damit zu sagen, dass sich die Welt drehe und zwar zum Besseren. Und wenn das so ist, dann sei es uns gegeben, sagte er, dass wir das nicht nur beobachten können. Sondern es sei möglich, dass wir und jeder einzelne von uns die Welt drehe – und zwar in eine bessere Zukunft.

Wie Martin Seligmann zum Funkensprüher wurde

Das Bild, was Martin Seligmann von der menschlichen Entwicklung zeichnete, hat mich sehr bewegt und so manches Auge im Saal ist dabei nicht ganz trocken geblieben. Und plötzlich hatte ich den Implus, ihm eine Funkensprüher-Frage zu stellen. Ich fasste meinen Mut zusammen und stellte ihm eine Frage, die wir auch jedem Funkensprüher stellen:

«Heute anfangen: Wenn ich heute anfangen möchte einen kleinen Beitrag zu leisten zu der Zukunft für uns Menschen, die Sie gerade gezeichnet haben, was wäre ein guter erster Schritt?»

Martin Seligmann beantwortete an diesem Tag alle Fragen aus dem Publikum, indem er von der Bühne herunterging, zum Fragensteller lief, sich direkt zu ihr/ihm stellte und dann die Frage beantwortete.  Ich fand das sehr schön, weil mir dadurch das Gefühl vermittelt wurde, dass so wirklich eine Begegnung stattfand. So stand er also nach meiner Frage direkt vor mir und sagte, er müsse kurz darüber nachdenken. Nach einer kurzen Pause antwortete er dann in etwa so (Gedächtnisprotokoll ins Deutsche übersetzt):

«Ich denke, beginnen Sie damit aufzuschreiben, wie aus Ihrer Sicht eine hoffnungsvolle, positive Zukunft für die Menschheit aussehen könnte. Skizzieren Sie diese positive Vision – nicht zu lang, nicht zu kurz – etwa in 300 Worten. Und dann nehmen Sie ein zweites Blatt. Stellen Sie sich vor, es ist der Tag Ihrer Beerdigung und Ihre Enkelkinder halten eine Gedenkrede. In dieser Rede sprechen ihre Enkel voll Stolz darüber, was Ihr Beitrag bei der Gestaltung dieser positiven Zukunft war.»

Seligmanns Funkensprüher-Aktivität als Zukunfts-Intention

Und so wurde Martin Seligmann ohne sein Wissen zu einem Funkensprüher für mich. Seine Antwort berührt mich noch heute, wenn ich daran zurückdenke. Ich finde es eine wunderschöne Funken-Aktivität, die er formuliert hat. Im Hinblick darauf, dass morgen ein neues Jahrzehnt beginnt, habe ich mir überlegt, diese Funken-Aktivität zu machen und dadurch eine Zukunfts-Intention zu setzen. Vielleicht ist diese Funken-Aktivität ja, anstatt Neujahrsvorsätzen oder ergänzend zu diesen, auch eine Möglichkeit, die Euch Freude bereitet, Ausrichtung oder Fokus gibt. Und vielleicht hat die eine oder der andere von Euch ja Lust sich an Silvester oder im neuen Jahr ein wenig Zeit dafür zu nehmen.

Eine gar nicht so nebensächliche Nebengeschichte

Als ich auf der Konferenz war, waren zwar schon einige Funkensprüher-Interviews geführt, ich haderte jedoch noch mit mir das Projekt wirklich zu veröffentlichen. Und nach dem Ende des Vortrags ereignete sich eine Situation, die für mich ein wichtiger Funke war, um den Mut zu fassen, das Projekt zu starten. Eine junge Frau kam auf mich zu und bedankte sich dafür, dass ich diese Frage gestellt hatte. Sie sei seit zwei Wochen bei der Konferenz und mit der Antwort von Martin Seligmann sei für sie einiges abgerundet worden. Sie sagte mir, dass sie den Impuls hatte mir zu sagen, wie sehr sie diese Frage berührt hat und dass sie glaube, es sei irgendwie wichtig, dass ich solche Fragen weiterhin stelle. Ob ich damit irgendetwas anfangen könne, fragte sie mich dann. Ich war völlig von den Socken und wiederum sehr gerührt. Danke Dir, liebe Andrea, dass Du an diesem Tag Deinem Impuls gefolgt bist und einer Fremden diese Rückmeldung gegeben hast. Auch Du warst an diesem Tag für mich Funkensprüherin und hast mich mit Deinen Funken darin bestärkt das Projekt zu lancieren. Und so formt sich vielleicht doch ein kleiner Vorsatz für 2020 bei mir heraus: Ich möchte es den Menschen, die mich inspirieren, berühren oder stärken gerne öfter mitteilen – egal ob fremd oder vertraut.

Vielleicht haben wir nächstes Jahr alle etwas öfters den Mut dies zu tun. Und vielleicht können wir uns dann überraschen lassen, was durch diese Funken alles in Bewegung gerät.

Ich wünsche Euch einen guten Rutsch in ein erfülltes neues Jahr voll Raum zum Aufblühen und voll Funken.

Herzlich,

Eure Jennifer